Während seiner Fahrenszeit hat Murdoch natürlich viele Schiffskameraden und Kapitäne erlebt. Alle einzeln aufzulisten würde an dieser Stelle zu weit führen. Einige Namen sind aber doch bemerkenswert.
Von den Kapitänen will ich nennen:
Charles A. Bartlett ist bekannt geworden als
Kapitän der Britannic (II), dem jüngeren Schwesterschiff der Titanic.
Bartlett kommandierte die Britannic auch auf ihrer letzten Fahrt, als sie
als Lazarettschiff in der Ägäis sank - generell akzeptiert wird die Annahme,
dass sie auf eine Mine gelaufen ist, die von einem deutschen U-Boot gelegt
wurde. Es gab und gibt jedoch auch Stimmen die sagen, ein deutsches U-Boot hat
einen Torpedo auf das Lazarettschiff abgefeuert.
Murdoch fuhr 1904 als 1. Offizier unter Bartlett, als dieser die Germanic
kommandierte. Die Germanic war damals bereits innerhalb des
Reedereienverbund IMM von der White Star Line zur American Line transferiert
worden und befuhr die Route Southampton - New York.
John G. Cameron kommandierte als dienstältester Kapitän der White Star Line mit der Oceanic das Flaggschiff der Reederei, als Murdoch 1905 und 1906 auf eben dieser Oceanic fuhr - anfangs als 2. Offizier, später dann als 1. Offizier. Cameron war zu seiner Zeit ein sehr bekannter Kapitän, der nach Erinnerung des Schiffsarztes Beaumont die Angewohnheit hatte, den Inspektionsrundgang in einem Tempo anzuführen, der einem Marathonsieger alle Ehre gemacht hätte - selbst bei heißen Temperaturen.
Herbert J. Haddock hatte vielleicht einen der interessantesten Nachnamen für Kapitäne, ist "Haddock" doch das englische Wort für "Schellfisch". 1912 war Haddock der dienstälteste Kapitän der Reederei nach Edward John Smith. Und Haddock war der erste Kapitän der Titanic, musste jedoch, sozusagen kaum dass er an Bord war, mit eben diesem Smith Schiffe tauschen, d. h. Haddock übernahm die Olympic und Smith kam pünktlich zu den Probefahrten auf die Titanic. Vor seinen Abstecher auf die Titanic hatte Haddock die Oceanic kommandiert, davor die Cedric und die Germanic. Nach allem, was bisher bekannt ist, kreuzten sich die Wege von Murdoch und Haddock jedoch nur auf der Titanic. - Beaumont beschreibt Haddock in seiner Autobiographie als Kapitän mit den Launen einer Diva, der allerdings nie laut wurde und der über eine großartige Selbstbeherrschung verfügte. Dass Haddock auch ein hervorragender Seemann war, bewies er im 1. Weltkrieg als Kommandant der Olympic. Die Royal Navy übertrug ihm daraufhin das Kommando über eine Flotille, und Bertram Fox Hayes übernahm die Olympic.
Bertram Fox Hayes wurde nach dem 1. Weltkrieg
Kommodore der White Star Line - es war das erste Mal seit langer Zeit, dass die
Reederei wieder einen Kapitän zum Kommodore ernannte, nachdem es im 19.
Jahrhundert Probleme mit einem Kapitän gegeben hatte, da diesem die Ernennung
zum Kommodore zu Kopf gestiegen war und er sich ständig in die Reedereipolitik
einmischte. Hayes wurde geadelt, und seine
Autobiographie "Hull Down" ist ein interessantes Zeugnis einer Seefahrerlaufbahn.
Hayes ist vor seiner Zeit bei der White Star Line unter anderem unter einem
Kapitän Cumming gefahren, der wiederum mit Murdoch verwandt war. Hayes nennt in
seiner Autobiographie - wie auch viele seiner schreibenden seefahrenden
Zeitgenossen - übrigens keinerlei Namen, die mit der Titanic in
Verbindung stehen.
Murdoch fuhr unter Hayes im Jahr 1903 auf der Arabic; und im Jahr 1911
machte Murdoch noch eine Fahrt unter Hayes auf der Adriatic, als dieser
das Schiff von E. J. Smith übernommen hatte.
Edward John Smith ist berühmt geworden als Kapitän der
Titanic. Bekannt ist Titanic-Spezialisten sicher auch, dass Smith der
bestbezahlte Kapitän seiner Zeit war. Murdoch lernte Smith als Kapitän 1907 auf
der Adriatic kennen - und unter diesem Kapitän fuhr er mit Ausnahme von
einer Reise bis zum Jahr 1912, als beide ihr Leben beim Untergang der Titanic
verloren. Die in britischen Zeitungen 1912 erwähnte Geschichte, dass Smith nach
dem Untergang der Titanic im Wasser schwamm und fragte: "Wo ist
Murdoch?", könnte durchaus wahr sein - und wenn sie stimmt, dann ist sie ein
Beleg für die besondere Beziehung, die sich anscheinend im Laufe der Jahre
zwischen Kapitän und 1. Offizier herausgebildet hat.
Seit 1907 war E. J. Smith übrigens dienstältester Kapitän der White Star Line
und die Schiffe, die Smith kommandierte, waren dementsprechend die Flaggschiffe
der Reederei.
Doch auch Offizierskameraden von Murdoch hatten durchaus interessante Laufbahnen und waren bei anstehenden Beförderungen sicher auch Konkurrenten von ihm. Besonders genannt werden sollen aus der langen Liste der Namen
Robert Hume hatte eine besondere Beziehung zu
Murdoch. Experten der britischen Seefahrtsgeschichte dürfte Hume als Chief
Officer der Britannic auf ihrer letzten Fahrt bekannt sein. Hume
überlebte und war später auch Kapitän in Diensten der White Star Line. Wie
Murdoch stammte Hume aus Schottland - und mehr noch: Hume war in der Gemeinde
Colvend aufgewachsen, wo Murdochs Großeltern lebten und wo Murdoch in direkter
Nachbarschaft in Dalbeattie seine Heimat hatte. Es ist davon auszugehen, dass die
beiden sich schon seit Kindertagen kannten. Erstmals zusammen gefahren sind sie
1911 bei der Jungfernfahrt der Olympic - Murdoch war 1. Offizier, Hume
Zweiter. Diese Tatsache war der örtlichen Presse von Dalbeattie und Colvend eine
Erwähnung wert, immerhin waren damit zwei Offiziere, die in der Region
aufgewachsen waren, dienstältere Offiziere auf dem dann größten Schiff der Welt.
Als Murdoch 1912 auf die Titanic wechselte, wurde Hume sein Nachfolger
als 1. Offizier auf der Olympic.
Und es gibt noch eine interessante Parallele: Murdoch war der Offizier der Wache
als die Titanic einen Eisberg streifte. Hume war Offizier der Wache, als
die Britannic auf ihrer letzten Fahrt auf die Mine lief oder aber von
einem Torpedo getroffen wurde. Damit waren Murdoch und Hume bei der
Jungfernfahrt des ersten Schiffs der olympischen Klasse an Bord und hatten
jeweils Wache, als die beiden Schwesterschiffe der Olympic ihren
Todesstoß erhielten.
Charles Herbert Lightoller erlangte Berühmtheit
als 2. Offizier der Titanic. Lightoller war der ranghöchste überlebende
Offizier, und seine Darstellung der Geschehnisse auf der Titanic hat die
Geschichtsschreibung dieser Tragödie maßgeblich geprägt. Murdoch hatte rund ein
halbes Jahr vor Lightoller bei der White Star Line angemustert. Ihre Wege
kreuzten sich erstmals 1900, als Lightoller 4. Offizier auf der Medic
war, wo Murdoch gerade zum 3. Offizier befördert worden war. 1906 machten sie
einige Reisen zusammen auf der Oceanic - Murdoch fuhr als 1. Offizier,
Lightoller als Zweiter. Und 1912 kamen sie dann wieder auf der Titanic
zusammen, erneut war Murdoch der Ranghöhere der beiden.
Lightoller veröffentlichte in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts seine
Autobiographie "Titanic and other ships", und nach meinem Wissensstand
ist er einer der wenigen Seefahrer, die in ihren Autobiographien Namen von
Kapitän und Offizieren der Titanic nannten. Die Titanic war ganz
offensichtlich ein Thema, das damals in britischen Seefahrerkreisen lieber
totgeschwiegen wurde.
Edgar L. Trant ist ein weiterer Offizier, den Murdoch auf der Medic kennenlernte. Auf der Medic war Trant noch der Ranghöhere, und später sollte Trant zum letzten Kommodore der White Star Line werden. Als die Posten für die Schiffe wie Olympic oder auch die Titanic vergeben wurden, sucht man den Namen Trant vergeblich - seine Karriere scheint erst nach der Titanic den entscheidenden Kurs eingeschlagen zu haben.
Henry Tingle Wilde fuhr erstmals zusammen mit Murdoch auf der Olympic. Wilde stieg 1911 auf der zweiten Rundreise des Schiffes als Chief Officer ein. Bevor Wilde auf die Olympic kam, hatte seine Karriere einen völlig anderen Verlauf als die von Murdoch genommen - häufiger auf Schiffen der zweiten Kategorie der Reederei eingesetzt, hatte er es dennoch temporär zum Kapitän der Zeeland gebracht; am 10. April 1911 trat er seine erste und einzige Fahrt als Schiffsführer an. Auf den Tag genau ein Jahr später wurde Wilde Chief Officer auf der Titanic und verdrängte Murdoch auf den Rang des 1. Offiziers. Über Wilde und seine Rolle auf der Titanic ist wenig bekannt - Wilde hat nicht überlebt, und in den Berichten Überlebender (besonders überlebender Besatzungsmitglieder) wird er namentlich kaum genannt. Das mag damit zusammenhängen, dass die Besatzung der Titanic von verschiedenen Schiffen zusammengewürfelt wurden und die Besatzungsmitglieder, die Wilde zum Beispiel von der Olympic kannten, mehrheitlich zu den Opfern gehörten.
Nicht ungenannt bleiben soll in dieser Aufzählung Dr.
William Francis Norman O'Loughlin. 1912 war O'Loughlin dienstältester
Schiffsarzt der White Star Line - auch er fuhr auf der Titanic und auch
er gehörte zu den Opfern. Murdoch fuhr erstmals gemeinsam mit O'Loughlin auf
einem Schiff, als Murdoch Anfang 1905 auf die Oceanic kam. Seitdem war
O'Loughlin bei jeder Fahrt, die Murdoch gemacht hat, der Schiffsarzt (evtl. gab
es eine Ausnahme im Jahr 1911). Nach Sichtung von zahlreichen Musterrollen ist
mir eine ähnliche Kombination von Schiffsarzt und Offizier bisher nicht aufgefallen.
In seiner Autobiographie "Ships - and People" berichtet
Beaumont von O'Loughlin, dass dieser nicht auf die Titanic
wollte. Als Begründung gab O'Loughlin an, dass er in seinem Alter das Wechseln
von Schiffen satt hatte. Doch Kapitän Smith nannte O'Loughlin "faul" und nahm
ihn mit auf die Titanic, wodurch Beaumont auf die Olympic kam.
Interessant im Zusammenhang mit O'Loughlin ist vielleicht noch, dass dieser aus
Tralee, Irland, stammte und aufgrund der damaligen Gesetzeslage in Irland, das
zu jener Zeit Teil von Großbritannien war, nur an einer protestantischen
Hochschule seinen Doktor hätte machen können. Letztendlich hat O'Loughlin seinen
Doktor in den USA gemacht. O'Loughlin blieb Zeit seines Lebens Junggeselle.
Während seiner Zeit auf Segelschiffen hat Murdoch auch einige Schiffskameraden erlebt, die nach ihren eigenen Angaben ihren Geburtsort im damaligen Deutschland hatten. Generell waren auf Segelschiffen die Mannschaften aus einer deutlich größeren Variation an Nationen zusammengesetzt als auf den Dampfern der White Star Line. Die nachfolgende Liste gibt einen Überblick über die im damaligen Deutschland geborenen Seemänner, die mit Murdoch zusammen auf Segelschiffen gefahren sind. Die Musterrolle der St. Cuthbert konnte nicht sauber ausgewertet werden, da das Original auf Mikrofilm gespeichert wurde und diese Rolle anscheinend beschädigt ist.
| Name | Rang | Geburtsort | Schiff | Murdochs Rang |
| Albert, F. | Vollmatrose | Holstein | Iquique | 2. Steuermann |
| Benz, Alfred | Bootsmann | Deutschland | Lydgate | 1. Steuermann |
| Brilmayer, K. | Vollmatrose | Bingen | Iquique | 2. Steuermann |
| Clementsen, Hugo | Leichtmatrose | Husum | Iquique | 2. Steuermann |
| Gabelisk, William | Lampentrimmer & Lagerhalter | Deutschland | Lydgate | 1. Steuermann |
| Hendricksen, Ludvik | Vollmatrose | Deutschland | Charles Cotesworth | Anwärter |
| Hohns, H. | Matrose | Deutschland | Lydgate | 1. Steuermann |
| Jensen, E. | Vollmatrose | Deutschland | Charles Cotesworth | Anwärter |
| Jung, C. | Vollmatrose | Deutschland | Iquique | 2. Steuermann |
| Krell, G. | Vollmatrose | Danzig | Iquique | 2. Steuermann |
| Krönke, Willy | Vollmatrose | Deutschland | Iquique | 2. Steuermann |
| Laudup, John | Vollmatrose | Hamburg | Iquique | 2. Steuermann |
| Menzler, Henry | Vollmatrose | Deutschland | Lydgate | 1. Steuermann |
| Miller, J. | Vollmatrose | Deutschland | Charles Cotesworth | Anwärter |
| Mortenson, M. P. | Vollmatrose | Deutschland | Charles Cotesworth | Anwärter |
| Olthoff, R. | Vollmatrose | Deutschland | Iquique | 2. Steuermann |
| Smith, W. | Matrose | Deutschland | Lydgate | 1. Steuermann |
| Stockmann, J. | Vollmatrose | Hamburg | Iquique | 2. Steuermann |
© Susanne Störmer, Juli 2006