William McMaster Murdoch wurde am 28. Februar 1873 als viertes von sieben Kindern von Kapitän Samuel Murdoch und dessen Frau Jeanie in Dalbeattie (Schottland) geboren. Die Murdochs waren eine Seefahrerfamilie, die viele Kapitäne britischer Handelssegelschiffe stellten. Von Kapitän Samuel Murdochs Kindern jedoch war es nur William, der sich für eine Laufbahn zur See entschied. Für seine Schwestern war die Seefahrt damals allerdings auch keine Berufsoption.

 

 

 

 

 

 

Dalbeattie in Schottland – Murdochs Heimat. 

1888 verließ Murdoch die Dalbeattie High School und musterte als Anwärter auf der Bark Charles Cotesworth an. Im Gegensatz zum traditionellen Seefahrerweg über Schiffsjunge, Leichtmatrose und Vollmatrose bis hin zum Steuermann (oder “Offizier”, wie es besonders auf Dampfschiffen hieß) ist nach heutiger Auffassung die Stelle eines Anwärters vergleichbar mit einer Berufsausbildung. Während ein pfiffiger Schiffsjunge es schnell zum Leichtmatrosen und dann weiter bis zum Vollmatrosen mit guter Bezahlung bringen konnte, war ein Anwärter für eine Vertragsdauer von vier oder fünf Jahren an eine Reederei gebunden und erhielt ein eher symbolisches Gehalt. Allerdings hatte er Anspruch auf eine Ausbildung in Seemannschaft und Unterricht in Navigation. Nach Ende der Anwärterzeit konnte man als Vollmatrose auf jedem beliebigen Schiff anmustern – oder man legte die Prüfung für das Patent des 2. Offiziers ab und schlug damit die Offizierslaufbahn ein. Damit ein Junge als Anwärter gemustert wurde, musste der Reederei zudem ein Betrag bezahlt werden, der in den meisten Fällen der Summe entsprach, die der Anwärter während seiner Anwärterzeit verdienen konnte. Und während ein Schiffsjunge von Anfang an mit den Matrosen logierte, hatten die Anwärter ihren eigenen, von der übrigen Mannschaft abgetrennten, Bereich, das so genannte Halbdeck.
Kapitän Samuel Murdoch und zahlreiche andere seefahrende Murdochs waren den traditionellen Weg gegangen. Darüber hinaus hatten sie ihre erste Schritte auf Schiffen gemacht, die unter dem Kommando eines Verwandten standen. Bei William McMaster Murdoch war es anders: Die Charles Cotesworth wurde von Kapitän James Kitchen kommandiert, und auch unter den übrigen Besatzungsmitgliedern gab es keine Verwandte von Murdoch – damit musste er sich alleine auf dem Schiff durchsetzen. Wer auf einem Segelschiff der damaligen Zeit nicht in der Lage war, sich zu behaupten und zur Not auch seine Fäuste einzusetzen, der hatte eine schreckliche Zeit und war spätestens nach einer Reise von der Seefahrt kuriert – wenn er diese Reise überhaupt beendete.

Die Charles Cotesworth segelte von Liverpool nach San Francisco, und diese Fahrt führte auch rund um Kap Hoorn – sowohl auf dem Weg nach San Francisco als auch auf der Rückfahrt, die in Dublin endete. In der Familientradition der Murdochs durfte sich nur der als richtiger Seemann fühlen, der einmal um Kap Hoorn gefahren war und zwar auf der härteren Strecke – von Ost nach West.

 

 

 

 

 

 

Das Golden Gate von San Francisco. San Francisco war Murdochs erster Zielhafen als Seemann.

Die nächsten Fahrten führten die Charles Cotesworth nach Portland/Oregon (1889/90), Valparaiso (1890/91) und Iquique (1891/92). 1892 verließ Murdoch die Bark und legte die Prüfung für das Patent des 2. Offiziers ab.
Erst im August 1893 fuhr er dann wieder zur See – als 2. Steuermann auf dem Vollschiff Iquique, das unter dem Kommando seines Vaters stand. Auf der Iquique fuhren mehrere Seemänner aus der Region Dalbeattie, unter anderem auch der 1. Steuermann George Meldrum, der bereits seine ersten Schritte auf großer Fahrt unter Kapitän Samuel Murdoch gemacht hatte und diesen Kapitän vermutlich als seinen Lehrmeister ansah. Die Iquique fuhr von Rotterdam über Frederikstad nach Kapstadt, von dort aus dann nach Newcastle in Australien und schließlich über Antofagasta und Iquique nach London – was de facto eine Reise um die Welt war. Rund anderthalb Jahre hatte die Fahrt gedauert, und es war das erste und letzte Mal, dass Murdoch unter dem Kommando seines Vaters fuhr.
Im März 1895 bestand Murdoch die Prüfung für das Patent eines 1. Offiziers und im Mai des Jahres musterte er als 1. Offizier auf der Bark St. Cuthbert an. Die St. Cuthbert wurde von J. & J. Rae bereedert – sie waren Verwandte der Murdochs. Die St. Cuthbert fuhr von Ipswich nach Mauritius, von dort nach Newcastle in Australien und dann über Callao nach Hamburg und von dort weiter nach Newport in Wales.

 

 

 

 

 

 

 
Die Häfen waren Ende des 19. Jahrhunderts ein Wald voller Masten; hier ein Ausschnitt aus dem Hamburger Hafen. 

Im September 1896 trat Murdoch zur Prüfung für das Extra Master Patent an und bestand im ersten Anlauf. Das Extra Master Patent war damals die höchste Qualifikation eines nautischen Offiziers, und es ist bekannt, dass Edward John Smith (der spätere Kapitän der Titanic) sowie Henry Tingle Wilde (späterer Chief Officer der Titanic) beide im ersten Versuch scheiterten – die Hürde “Navigation” erwies sich als zu hoch für sie. Ebenfalls bemerkenswert ist, dass Murdoch rund acht Jahre nach seiner ersten Fahrt bereits das Extra Master Patent in den Händen hielt – das war ungefähr die Minimalzeit, denn zum Ablegen der Patente waren bestimmte Fahrenszeiten vorgeschrieben.

Im April 1897 musterte Murdoch dann als 1. Offizier auf der Viermastbark Lydgate an. Mit ihren 2534 BRT war sie deutlich größer als die Schiffe, auf denen Murdoch vorher gefahren war. Von New York aus fuhr die Lydgate nach Shanghai, dann nach Portland/Oregon, von dort nach Tientsin (China), erneut nach Portland/Oregon und dann nach Antwerpen (Belgien), wo Murdoch am 2. Mai 1899 abmusterte. Im Jahr 1898 soll die Lydgate für eine Fahrt über den Pazifik so lange gebraucht haben, dass sie sogar schon als “überfällig” geführt wurde – im Gegensatz zu vielen anderen Schiffen, die bis heute nicht in ihrem Bestimmungshafen angekommen sind, erreichte die Lydgate ihr Ziel dann doch noch.

Ob Murdoch zwischen Mai und Juli 1899 auf einem Schiff angemustert war, ist bis heute unklar. Es ist natürlich denkbar, dass er nach der zweijährigen Abwesenheit zuerst einige Zeit in Dalbeattie verbracht hat, ehe er sich wieder auf Arbeitssuche machte. Auch über seine Motivation, mit der Familientradition der Segelschifffahrt zu brechen und bei der White Star Line auf Dampfschiffen anzumustern, kann nur spekuliert werden.
Auf jeden Fall ist dokumentiert, dass Murdoch am 30. Juni 1899 von der White Star Line angemustert wird und 4. Offizier der Medic war, als diese am 3. August 1899 von Liverpool aus zu ihrer Jungfernfahrt nach Australien via Kapstadt auslief. Dieses Schiff eröffnete zugleich den neuen Liniendienst der White Star Line nach Down Under – und für Murdoch war es die erste Jungfernfahrt, an der er teilnahm – weitere sollten noch folgen.

 

 

 

 

 

 


Die
Medic der White Star Line – das erste Schiff dieser Reederei, für das sich Murdochs Anwesenheit an Bord nachweisen lässt. 

Auf der zweiten Fahrt der Medic war Murdoch bereits 3. Offizier. Sowohl 4. als auch 3. Offizier waren auf Schiffen der White Star Line Junior-Offiziersränge. Diese Offiziere mussten Wache um Wache gehen und waren dem jeweiligen so genannten Senior Offizier unterstellt.

Die Quellenlage vom Juni 1900 bis Juni 1901 ist sehr dürftig. Es gibt einen mit 26.03.01 datierten Eintrag von Murdoch in einem Gästebuch einer Familie aus Melbourne, womit belegt ist, dass er an dem Tag in Australien war, was die Vermutung nahe legt, dass er immer noch 3. Offizier der Medic war.

Im Juni 1901 wurde Murdoch zum 2. Offizier der Runic befördert. Dieses Schiff war im Januar 1901 in Dienst gestellt worden und war ebenfalls im Liniendienst nach Australien eingesetzt. Mit der Beförderung zum 2. Offizier war Murdoch der rangniedrigste der Senior-Offiziere. Während seiner Wache war er – unter den Befehlen des Kapitäns – verantwortlich für das Schiff, sofern der Kapitän nicht auf der Brücke war.

 

 

 

 

 

 

Die Runic – auf diesem Schiff fuhr Murdoch erstmals als Senior-Offizier.

Eine für Murdoch sicher denkwürdige Reise auf der Runic begann am 12. Februar 1903 in Liverpool und endete dort am 14. Juni des gleichen Jahres. Auf der Rückfahrt von Australien nach Europa war Ada Florence Banks, eine Lehrerin aus Neuseeland, unter den Passagieren. Wie Mr. Murdoch und Miss Banks ins Gespräch gekommen sind, ist nicht überliefert worden, doch es entstand eine Verbindung, die letztendlich Auswirkungen auf das Leben beider haben sollte.

Und nicht nur Miss Banks verließ am Ende der Reise die Runic, auch Will Murdoch musste von Bord – er wurde 2. Offizier auf der Arabic, einem brandneuen Schiff der Reederei, das am 26. Juni 1903 Liverpool zu seiner Jungfernfahrt nach New York verließ. Murdoch war damit auf dem so genannten Nordatlantik-Run angekommen und befand sich zugleich im Premiumdienst der Reederei, so dass seine Versetzung auf die Arabic eine Art doppelte Beförderung war: In einen höherwertigen Liniendienst unter Beibehaltung des Ranges!

 

 

 

 

 

Die Arabic – auf ihr machte Murdoch seine zweite Jungfernfahrt in Diensten der White Star Line.

Auf der Arabic ereignete sich ein Zwischenfall, der für Murdochs Verhältnisse schon fast legendär zu nennen ist. Erstmals erwähnt wurde die Geschichte in dem Buch “Of Ships and Men” von Captain Alan Villiers, wiederholt wurde sie in dem Buch “The Maiden Voyage” von Geoffrey Marcus und ebenfalls aufgeführt wurde sie in Lightollers Biographie. Villiers nennt Kapitän Edwin Jones als Quelle, der für zumindest zwei Reisen der Arabic im Jahr 1903 3. Offizier auf dem Schiff war. Zu jener Zeit war Murdoch 2. Offizier auf der Arabic. Jones erinnerte sich an eine (undatierte) Überfahrt, als Murdoch abends auf Wache kam. Es herrschte schlechte Sicht, und in dem Moment, in dem Murdoch zusammen mit Jones die Brücke betrat, meldete der Ausguck ein Schiff voraus. Bevor überhaupt jemand anders auf der Brücke reagieren konnte, hatte Murdoch schon den Rudergänger beiseite geschoben, selbst in die Speichen des Steuerrads gegriffen und hielt das Schiff auf Kurs. Der 1. Offizier Fox, der noch das Kommando hatte, befahl “hart backbord”, doch Murdoch reagierte nicht darauf. Als der 1. Offizier seinen Irrtum bemerkte und den Befehl gab: “Ruder mittschiffs. Kurs beibehalten!”, war dieser Befehl völlig überflüssig, denn Murdoch hatte, gelassen wie immer, das Ruder nicht einen Zentimeter bewegt. Jones, der noch Jahre später völlig beeindruckt von der Reaktion Murdochs gewesen zu sein scheint, machte gegenüber Villiers deutlich, dass eine Kursänderung in irgendeine Richtung zu einer Kollision geführt hätte. Besonders zu bemerken ist zudem, dass Murdoch diese Reaktion zeigte, noch bevor er seine Augen an die Lichtverhältnisse auf der Brücke gewöhnt und irgendjemand auf der Brücke das andere Schiff überhaupt gesehen hatte. Jones glaubte noch Jahre später, dass er (Jones) das andere Schiff erst dann gesehen hat, als es direkt längsseits war, während Murdoch es im Moment der Meldung entdeckt hatte. Jones abschließendes Urteil über Murdoch war: “Es gab keinen besseren Offizier. Gelassen, fähig, immer aufmerksam – ein ganz Ausgeschlafener!” [Übersetzt aus: Alan Villiers, Of Ships and Men, London, 1962, S. 124]

Ab Januar 1904 fuhr Murdoch auf der Celtic – laut Lloyd’s Register of Captains als 2. Offizier, allerdings führen ihn zwei Logbücher für die Fahrten 24.06. – 17.07. und 22.07. – 14.08.1904 als 1. Offizier, so dass sich die Vermutung aufdrängt, dass Murdoch anfangs 2. Offizier war und während seiner Zeit auf der Celtic zum 1. Offizier befördert wurde.

 

 

 

 

 

 
Die Celtic an Liverpool Landungsbrücken.

Die Celtic war das älteste Schiff der so genannten “Big Four”. Als sie 1901 in Dienst gestellt wurde, war sie das größte Schiff der Welt und mit ihren 21.035 BRT ein echter Koloss. Sie fuhr auf der Nordatlantik-Route nach New York, so dass Murdoch sich weiterhin im Premiumdienst der Reederei bewegte. Unter diesem Aspekt ist auch die Beförderung zum 1. Offizier unter Beibehalt des Schiffes und der Route als echter Karrieresprung zu sehen.

Doch so ganz ohne Rückschläge ging es auch für Murdoch nicht ab – von der Celtic wurde er als 1. Offizier auf die Germanic versetzt und machte zwei Fahrten auf ihr.

 

 

 

 

 

 
Die Germanic war eine Veteranin als Murdoch 1904 auf ihr fuhr.

1874 vom Stapel gelaufen und 1875 in Dienst gestellt, war sie im Zuge der Neuausrichtung des Reedereienverbundes IMM, zu dem seit 1902 auch die White Star Line gehörte, von der White Star Line zur American Line, die ebenfalls Teil des Verbundes war, verschoben worden. Für die American Line fuhr die Germanic auf der Nordatlantik-Route von Southampton nach New York, im Jahr 1904 eindeutig eine Nebenroute im transatlantischen Schiffsverkehr der IMM. Mit Kapitän Bartlett, Chief Officer Beadnell und dem 2. Offizier Boase waren neben Murdoch aber weitere White-Star-Männer an Bord des Schiffes, so dass möglicherweise die Germanic unter dem Deckmantel einer anderen Reederei eine neue Route für die White Star Line austestete.

1905 war Murdoch dann zurück im Premiumdienst – als 2. Offizier auf dem Flaggschiff der Reederei, der Oceanic. Das Rangschema der White Star Line legt die Vermutung nahe, dass der Rang eines 2. Offiziers auf dem Flaggschiff gleichbedeutend mit dem eines 1. Offiziers auf anderen Schiffen war, so dass Murdoch nach dem Abstecher auf die Germanic seine alte Stellung in der Hierarchie wieder eingenommen hatte.

 

 

 

 

 

 

Die Oceanic der White Star Line – von 1899 bis zur Indienststellung der Adriatic im Jahr 1907 das Flaggschiff der Reederei

Diese These wird gestützt durch Musterrollen aus dem Jahr 1906, als eine Reise der Oceanic aus noch nicht geklärten Gründen kurzfristig abgesagt wurde und die Cedric statt ihrer fuhr. Ein Teil der Crew der Cedric blieb an Bord, ein Teil der Oceanic-Crew stieg ein – unter anderem der Kapitän (John G. Cameron), der für zwei Reisen Kapitän Haddock ablöste, und auch Murdoch, der auf der Cedric wieder als 1. Offizier fuhr.

 

 

 

 

 

 
Die Cedric an den Landungsbrücken in Liverpool.

Nach zwei Fahrten mit der Cedric wechselten u. a. Cameron und Murdoch wieder zurück auf die Oceanic – und Murdoch war wieder 2. Offizier, doch nur noch für eine Reise, denn danach wurde er kurz vor der Abfahrt zum 1. Offizier der Oceanic befördert und behielt diesen Rang bis Anfang 1907.

Danach gibt es wieder einen undokumentierten Abschnitt bis zum Mai 1907, und dieser Abschnitt soll dazu genutzt werden, einen kurzen Blick auf Murdochs Karriere in der Royal Naval Reserve zu werfen. Wie viele Offiziere der White Star Line wurde auch Murdoch ein Reserveoffizier der britischen Kriegsmarine. Wann der Eintritt erfolgte ist anhand der mir bekannten Dokumente nicht zu belegen. 1905 hatte er auf jeden Fall den Rang eines Sub-Lieutenant (= Oberleutnant) und 1909 war er Lieutenant (= Kapitänleutnant). Auffällig ist meiner Ansicht nach, dass in den mir bekannten Musterrollen alle Kapitäne der White Star Line den Rang eines Lieutenant RNR hatten. Für mich liegt damit die Vermutung nahe, dass ein Offizier, der auf den Passagierschiffen der White Star Line Kapitän werden wollte, auf jeden Fall auch in der Royal Naval Reserve den Rang eines Lieutenant erreicht haben musste.

Im Mai 1907 wurde Murdoch dann 1. Offizier auf der Adriatic, die das dann größte Schiff der White Star Line war und Flaggschiff der Reederei wurde. Sie gilt für manche Experten als eine Art verkleinerter Prototyp der olympischen Klasse. Sie war auf jeden Fall das vierte Schiff der Baureihe, die als “Big Four” Berühmtheit erlangte. Kapitän der Adriatic wurde Edward John Smith, seit Camerons Rückzug von der Brücke der Oceanic der dienstälteste Kapitän und damit Kommandant des Flaggschiffs.

 

 

 

 

 

 

Die Adriatic am Kai in Southampton

Die Jungfernfahrt führte die Adriatic von Liverpool nach New York und auf der Rückfahrt nach Southampton, von wo aus zukünftig der Premiumdienst der White Star Line nach New York starten sollte. – Für Murdoch war es übrigens die dritte Jungfernfahrt und die zweite als dienstälterer Offizier.

Es wirkt fast so als hätte die Adriatic einen stabilisierenden Einfluss auf Murdochs Leben gehabt, denn er blieb auf diesem Schiff bis zum Mai 1911 – seit seiner Anwärterzeit auf der Charles Cotesworth war er nie mehr so lange auf ein und demselben Schiff. Die Musterrollen und Logbücher führen auch häufig die gleichen Namen auf, so dass sich der Eindruck einer eingeschworenen Crew aufdrängt.
Murdoch allerdings setzte im Jahr 1907 eine Rundreise auf der Adriatic aus und heiratete am 2. September 1907 Ada Florence Banks, die Bordbekanntschaft von der Runic, in Southampton, wo sie sich auch niederließen.

 

 

 

 

 

 

 

 
Ada Florence Murdoch im Dezember 1909

Am Abreisetag der Adriatic am 5. April 1911 wurde Kapitän Edward John Smith durch Bertram Fox Hayes ersetzt – das waren vermutlich erste personelle Vorbereitungen für die Jungfernfahrt der Olympic. Murdoch machte diese Fahrt auf der Adriatic unter Hayes und wurde auch noch für die nächste Reise am 3. Mai 1911 gemustert, doch am Abreisetag in Southampton durch C. H. Greame ersetzt.
Für Murdoch ging es nach Belfast auf die Olympic. Dort traf er Kapitän Smith und viele andere von der Adriatic wieder – und auch Robert Hume aus Colvend, der Nachbargemeinde von Dalbeattie, und aufgrund der Struktur der Gegend dort mit Sicherheit auch mindestens ein guter Bekannter aus Jugendtagen. Es war das erste Mal, dass beide zusammen auf einem Schiff fuhren – und für die Lokalzeitung war die Tatsache, dass Murdoch 1. Offizier und Hume 2. Offizier auf der Olympic, dem größten Schiff der Welt, waren, eine Kurznotiz wert.

 

 

 

 

 


Die
Olympic – im Jahr 1911 das größte Schiff der Welt.

Die Jungfernfahrt der Olympic war die vierte Jungfernfahrt, die Murdoch mitmachte – und die dritte als Senior-Offizier. Falls Murdoch sich Hoffnung gemacht haben sollte, mit der zweiten Fahrt der Olympic zum Chief Officer befördert zu werden, so wurden diese Hoffnungen enttäuscht. Der Chief der Jungfernfahrt ging zwar, doch mit Henry Tingle Wilde kam ein anderer zum Zuge. Ob der Chief Officer Posten auf der Olympic für Wilde so erstrebenswert war, sei dahingestellt, immerhin hatte er bereits eine Reise als Kapitän gemacht – und was ist der Posten eines Chief Officers auf dem größten Schiff der Welt gegen den eines Kapitäns?
Die vierte Reise der Olympic sah eine Fahrplanumstellung – von dem bisherigen für Seefahrerverhältnisse familienfreundlichen vier-Wochen-Rhythmus (eine Woche auf See – eine Woche in New York – eine Woche auf See – eine Woche in Southampton) wurde auf einen drei-Wochen-Rhythmus umgestellt, der die Zeit in den jeweiligen Endhäfen auf drei bis vier Tage kürzte. Die fünfte Reise der Olympic brachte jedoch eine ungeplante Änderung: Noch im Fahrwasser von Southampton kollidierte die Olympic mit dem Kreuzer Hawke. Die Olympic war so schwer beschädigt, dass die Reise abgebrochen werden musste und das Schiff nach notdürftigen Reparaturen in Southampton zurück zur Bauwerft nach Belfast fuhr. Für Kapitän und Offiziere der Olympic begann nach der Überführung der Olympic nach Belfast eine Wartezeit an Land, die nur durch den Untersuchungsausschuss der Admiralität in London unterbrochen wurde – auch Murdoch musste aussagen, doch seine Angaben trugen kaum zur Aufklärung über den Unfallhergang auf. Interessant an diesem Untersuchungsausschuss ist, dass hier bereits einige Personen auftraten, die beim nächsten Untersuchungsausschuss, in dem ein Unfall eines Schiffes der Olympic-Klasse verhandelt wurde, eine Rolle spielen sollten.

Erst Ende November 1911 nahm die Olympic ihren Liniendienst nach New York wieder auf, doch bereits im März 1912 war sie wieder in Belfast – auf der Rückfahrt von New York hatte die Olympic ein Schraubenblatt verloren. Die nächste Reise musste um eine Woche verschoben werden, doch Murdoch war nicht mehr an Bord. Er fuhr wieder nach Belfast, wo er als Chief Officer auf der Titanic anmusterte. Als Kapitän kam Haddock an Bord, doch er verließ das Schiff schnell wieder, und am 1. April 1912 übernahm Kapitän Edward John Smith. Da zwischen Abreise von Haddock und Übernahme des Kommandos durch Edward John Smith eine kleine zeitliche Lücke klafft, hatte Murdoch als ranghöchster Offizier der Titanic in dieser Zeit das Kommando an Bord.

Mit Beginn der Jungfernfahrt der Titanic gab es allerdings noch mal eine Veränderung unter den Offizieren – Wilde, der die Olympic eine Reise nach Murdoch verlassen hatte, kam als Chief Officer an Bord, Murdoch wurde Erster und der bisherige 1. Offizier Lightoller Zweiter, während der bisherige 2. Offizier Blair die Titanic ganz und gar verlassen musste. Die Junior-Offiziere blieben von der Umbesetzung unberührt.
Im Gegensatz zur Jungfernfahrt der Olympic, die vor dem Aufbruch zur ersten Fahrt der Bevölkerung in Belfast, Liverpool und Southampton in Form von öffentlichen Besichtigungen vorgestellt worden war, lief bei der Indienststellung der Titanic alles hektischer ab – anscheinend musste ein enger Zeitplan eingehalten werden, damit wirklich fahrplangetreu am 10. April 1912 abgelegt werden konnte.

 

 

 

 

 


Die Jungfernfahrt der
Titanic war Murdochs fünfte Jungfernfahrt – und die vierte, bei der er einer der dienstälteren Offiziere war.

Die Jungfernfahrt der Titanic ist mittlerweile Geschichte. Während Murdochs Wache am Abend des 14. April 1912 streifte die Titanic einen Eisberg und sank am 15. April 1912 um 2:20 Uhr morgens (Schiffszeit). Während der Evakuierung des Schiffes hatte Murdoch als 1. Offizier das Kommando über die Rettungsboote der Steuerbordseite. Auffällig ist dabei, dass Murdoch die Boote, die unter seiner Aufsicht gefiert wurden, relativ voll belud – und ein Boot vermutlich sogar über die Kapazitätsgrenze. Möglicherweise war der Faktor für die anscheinend größere Risikobereitschaft (die Boote mussten anfangs rund 21 Meter abgefiert werden und die Offiziere Lightoller und Lowe sagten aus, dass sie befürchtet hatten, die Boote würden beim Fieren in der Mitte brechen, wenn sie voll besetzt abgelassen wurden) die Erfahrung mit der Olympic, auf der die gleichen Rettungsboote und die gleichen Davits verwendet wurden.
Beim Einbooten ging Murdoch zudem nach dem Schema vor: “Frauen und Kinder zuerst, und wenn dann noch Platz ist, können Männer den auffüllen.” – Generell wird davon ausgegangen, dass Murdoch als einziger Offizier auch Männer in die Boote ließ. Betrachtet man allerdings, welcher Offizier an welchem Boot war, so liegt die Vermutung nahe, dass auch Chief Officer Wilde für das Fieren einiger Boote verantwortlich war und ebenfalls Männer hinein ließ, während der 2. Offizier Lightoller sich stur und wortgetreu an das “Nur Frauen und Kinder” hielt.
Murdoch überlebte die Katastrophe nicht. Bei den nachfolgenden Untersuchungsausschüsse in den USA und Großbritannien hätte er einer der wichtigsten Zeugen werden können – statt dessen wurde er Gegenstand von Gerüchten, Vermutungen und Schuldzuweisungen.

In Dalbeattie entschied man sich erst, Murdochs Eltern und seiner Witwe offiziell zu kondolieren, nachdem der britische Untersuchungsausschuss festgestellt hatte, dass Murdoch keine Schuld an der Katastrophe traf. Am Rathaus in Dalbeattie wurde eine Erinnerungsplakette angebracht und in der Dalbeattie High School wurde zum Andenken an Murdoch der Murdoch Memorial Prize eingeführt – diese Auszeichnung wird jährlich für herausragende schulische Leistungen verliehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Murdoch Memorial am Rathaus von Dalbeattie

Auf dem Friedhof von Dalbeattie ist Murdochs Name auf dem Grabstein der Familie von Kapitän Samuel Murdoch erwähnt – Murdochs Leiche wurde nie gefunden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 Grabstein der Familie von Kapitän Samuel Murdoch auf dem Friedhof in Dalbeattie.

© Susanne Störmer, 2006. Überarbeitet: 2012.

Bildnachweis:
Dalbeattie - Sammlung Susanne Störmer
Golden Gate – Sammlung Susanne Störmer
Hamburg – Sammlung Susanne Störmer
Medic – Sammlung Susanne Störmer
Runic – Sammlung Susanne Störmer
Arabic – Sammlung Susanne Störmer
Celtic – Sammlung Susanne Störmer
Germanic – Sammlung Susanne Störmer
Oceanic – Sammlung Susanne Störmer
Cedric – Sammlung Susanne Störmer
Adriatic – Sammlung Susanne Störmer
Ada Florence Banks – Mit freundlicher Genehmigung von Derek Webley
Olympic – Sammlung Susanne Störmer
Titanic – Sammlung Susanne Störmer
Murdoch Memorial – Susanne Störmer
Murdoch Grabstein – Susanne Störmer